Tracht is mei Lebm –
Ausstellung im Alten Feuerhaus gewährt Einblick in die Vielfalt des Trachtenwesens

Der Themenbereich „Trachtenwesen“ nimmt heuer in Bad Reichenhall einen besonderen Stellenwert ein. Dabei bildet das Gaufest am 19. Juli einen uneingeschränkten Höhepunkt. Die Trachtenausstellung mit dem Titel „Tracht is mei Lebm“ soll als visueller und informativer Wegweiser gelten, hin zum großen Ereignis in der Kurstadt, zu dem rund 8.000 Trachtler und 40 Musikkapellen erwartet werden. Am Freitagabend wurde die Schau  eröffnet.

Die Ausstellung im Alten Feuerhaus versetzt den Betrachter schon beim Betreten des Raumes in eine besondere Stimmung. Auf 62 Ständern werden dem Besucher Trachten in all ihrer Schönheit und Vielfalt präsentiert. Da gibt es Fest- und Alltagsgewänder zu sehen, Kinder- Männer- und Frauentrachten ergänzen sich mit dem Gewand das in Jugend- und Aktivengruppen getragen wird. Vertreten sind Trachten aus allen acht Gebieten aus dem Gauverband I der oberbayerischen Gebirgstrachtenerhaltungsvereine. Liebevoll dekoriert ist die Schau, viele kleine Beigaben und schmückendes Beiwerk lassen eine sehr persönliche Handschrift und Liebe zum Detail spüren. Die „Handschrift“ stammt von Tanja Weber mit ihrem Team. Die junge Frau hat zusammen mit Brigitte Brenner, Monika Weber, Katharina Huber und Liesbeth Danzl die Ausstellung vorbereitet und zusammengestellt. Weitere fleißige Helfer haben mit Hand angelegt. Ergänzt werden die Trachtenexponate von informativen Schautafeln. Viel gibt es zu erfahren über Ziele und Bestrebungen des Gauverbandes, über die Arbeit in den einzelnen Sparten und über die Entwicklung der Tracht. Fotos, die Gaupressewart Matthias Sellhuber zur Verfügung gestellt hat, ergänzen die Schau wobei hier häufig der Blick auf das Detail gerichtet wird. In Vitrinen werden Schmuckstücke präsentiert, dabei zeigt sich ganz deutlich, dass im Trachtenwesen Schmuck sowohl bei Männern und Frauen eine wesentliche Rolle spielt. Zur Eröffnung waren zahlreiche Ehrengäste aus dem Gauverband sowie Vertreter von Stadt und Gesellschaft gekommen. Oberbürgermeister Dr. Herbert Lackner bezeichnete in seinem Grußwort Bad Reichenhall als Stadt der Volkskultur. Es gibt vier Trachtenvereine, zwei Musikkapellen sowie zahlreiche Sänger und Musikanten. Bad Reichenhall will gerade aus Anlass des 850jährigen Stadtjubiläums ein Zeichen setzen. Deshalb war es den Verantwortlichen ein Anliegen gewesen, nach 30 Jahren das Gaufest wieder in die Kurstadt zu holen. Bis zum Fest am 19. Juli gibt es nun die Gelegenheit, sich auf die Großveranstaltung einzustimmen und sich umfassend über das Trachtenwesen zu informieren. Die Schau im Alten Feuerhaus ist bis 26. Juli jeweils geöffnet von Mittwoch bis Sonntag in der Zeit von 10.00 Uhr bis 18.00 Uhr. Vertreter der Reichenhaller Trachtenvereine werden anwesend sein, um den Besuchern Auskünfte bei Fragen zu geben.

 

Die Entwicklung der Tracht –

Die Eröffnung der Ausstellung „Tracht is mei Lebm“ wurde geprägt von einem Vortrag von Brauchtumskenner Siegi Götze aus Marquartstein. Er widmete sich der Entwicklung der Tracht über die Jahrhunderte hinweg. Erste Hinweise auf Kleidervorschriften, die Herrscher an ihre Untertanen ausgaben, sind bereits aus dem Jahr 1150 belegt, als in der Kaiserchronik unter anderem die Vorgaben für das Landvolk niedergeschrieben wurden. Im Laufe der Zeit entwickelte jede Stadt oder Region ihr eigenes Gewand. Bis zur Zeit der französischen Revolution 1789 gab es für die verschiedenen Stände entsprechende Kleidervorschriften. Die Obrigkeit hatte in entsprechenden Erlassen beispielsweise zu verwendende Materialien oder Details wie die Rocklänge vorgegeben. Leder, Loden, Leinen waren jene Materialen, aus denen die Gewänder auf dem Land gefertigt wurden. Ein wichtiger Aspekt dabei war, Stoffe aus dem eigenen Land zu verwenden, um unnötigen finanziellen Aufwand zu vermeiden und die Kleidung selbst herstellen zu können. Ende des 18. Jahrhunderts änderten sich mit der Durchsetzung der Ideale Gleichheit, Freiheit und Brüderlichkeit die Situation und somit auch die Kleidung. Getragen wurde das, was man sich leisten konnte. Auf die Entwicklung der Tracht hatte auch die Säkularisation einen gravierenden Einfluss. Ländereien und Wälder aus dem Besitz von Klöstern gelangten nun in staatliche Hand, Beamte und Arbeiter kamen von der Stadt hinaus aufs Land. Die Männer sammelten Eindrücke von dem, was im ländlichen Bereich getragen wird und brachten diese Einflüsse zurück in die Städte, die Grundlage für die Entwicklung von Gewandtypen war gegeben. Am Beispiel des Jägergewandes, der grünen Joppe und der Lederhose erläuterte Siegi Götze nicht nur diesen Abschnitt recht anschaulich. Er baute seinen Vortrag auf zahlreichen Beispielen auf, wobei er sich auf verschiedene Publikationen über das Trachtenwesen stützte. Im Laufe der Zeit entwickelten sich geschlossene Trachtengebiete wie in den Talschaften der Stadt München, wobei sich ein Wechselspiel zwischen Stadt und Land sowie Jung und Alt ergab. 1883 folgte die Gründung der ersten Trachtenvereine und es gab recht harte Statuten, wie Götze zu berichten wusste: „Drei- bis vierwöchiges Nichttragen der Tracht, hat den Ausschluss aus dem Verein zur Folge“, heißt es in einer Überlieferung. Anfang des 20. Jahrhunderts folgte die Zeit der Sittlichkeitswächter. Die Trachtler hatten sich im Jahr 1914 massiver Angriffe vonseiten der Geistlichkeit zu erwehren, in denen es unter anderem hieß, dass auf dem Lande das ganze Jahr über Maskenfeste und Trinkgelage gefeiert werden, da anscheinend der Fasching zu kurz sei. Siegi Götze ist kein „Schönredner“. Er nahm auch kritisch Stellung zum Missbrauch der Tracht für Film- und Fernsehszenen, die vor allem in den 1960er Jahren vorgekommen waren. „Tracht ist das, was über Jahrhunderte gewachsen ist und deren Entwicklung nicht an den Vorfahren vorbeigegangen ist sondern sich angepasst hat. Sie zeigt die persönliche Verwurzelung durch Gewand, Sitte und Bräuche und durch einen Blick über den Tellerrand hinaus offen geblieben ist“, war das Resümee des Brauchtumskenners nach einem hochinteressanten Vortrag, der musikalisch von der Goldtropf Musi aufgelockert wurde.

Maria Horn

Ausstellung Gebiet Reichenhall

Zu den Exponaten gehören auch Trachten, wie sie im Gebiet Reichenhall getragen werden

Ausstellung Organisationsteam

Das Organisationsteam mit  Tanja Weber, Katharina Huber, Monika Weber und Brigitte Fellner (von rechts nach links) auf dem Bild fehlt Liesbeth Danzl.