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Der Schuhplattler als kulturelle“ Klammer“
Für die Anziehungskraft einer Region ist es von entscheidender Bedeutung, ob dem unvoreingenommenen Betrachter griffige, positiv besetzte und bildprägende
„Mosaiksteine“ über mittelt werden können, die für sich gesehen bereits ein freundliches Bild des betreffenden Gebietes ergeben. Dazu zählen in erster Linie Darstellungen über bewährte Formen des Zusammenlebens, Stilelemente
der Volkskultur aber auch bestimmte Lebensäußerungen, die auf gewinnende Charaktereigenschaften wie Lebensfreude, Musikalität, Toleranz oder Heimatverbundenheit der in ihr lebenden Bevölkerung abzielen und somit wenigstens
punktuell Rückschlüsse auf den „Freizeitwert“ in der betreffenden Umgebung zulassen. Bei nicht wenigen Völkern vereint der „landesübliche Tanz“ die beschriebenen Attribute in geradezu idealer Weise. So wird gemeinhin mit
„Samba“ und „Paso Doble“ südamerikanischer Begeisterungsfähigkeit, mit dem „Syrtaki“ griechische Gastfreundschaft und mit dem „Czardasz“ ungarisches Temperament gleichgesetzt.
In der EuRegio Salzburg – Berchtesgadener Land – Traunstein könnte der hier beheimatete „Schuhplattlertanz“ als flächendeckende, kulturelle Klammer diese
typisierende Rolle übernehmen, obwohl er durch seine überwiegende Vereinsgebundenheit mit den genannten Tänzen nicht direkt vergleichbar ist. Entkleidet man den Schuhplattler, diesen aus dem Paartanz hervorgegangenen
Burschentanz mit Werbecharakter seiner Versatzstücke aus dem „Tourismusgeschäft“ so verbleibt im Kern ein auch im Zeitalter von „Rock „ und „Pop“ allenthalben faszinierender Ausdruckstanz. Er vereint in hohem Maße Attribute wie
Geschicklichkeit, Eleganz und Rhytmusgefühl in sich, gepaart mit animierender Schlagkraft. Das Bild vom schuhplattelnden Burschen stellt darüber hinaus eine direkte gedankliche Verbindung zum bayerisch-österreichischen
Alpenraum her. Erwartungen oder Erinnerungen an bereichernde Sinneseindrücke in Mitten einer weitestgehend intakt gebliebenen Naturlandschaft gehen mit dieser Einschätzung einher. Dazu kommt, dass es den Akteuren selbst auch
heute noch möglich ist, ein gerüttelt Maß an gehobenem Selbstvertrauen aus der exakten Beherrschung des Schuhplattlertanzes zu gewinnen, verbunden mit konkret erfahrbaren Wechselbezügen bis hinein ins Alltagsleben.
Professor Dr. Konrad Köstlin von der Uni Tübingen – Ludwig-Uhland-Institut für Empirische Kulturwissenschaft drückt es im Vorwort zu Franz Hegenbart’s Buch
„Auf geht’s“ so aus:“ Ganz sicher aber ist die Beobachtung wichtig, dass insbesondere die Holzarbeiter, deren (Arbeits-) kraft ihr ganzer Stolz war, diese Kraft auch vorführen wollten. Dieser Stolz der Arbeiter, die kein
anderes Kapital als eben ihre Körperkraft hatten mag den Charakter des Tanzes wohl nicht allein erklären...“.
Zusätzlich und ursprünglich war es in erster Linie wohl das Bestreben des Burschen, allein die Aufmerksamkeit der anwesenden Dirndl zu erreichen. In
späterer Zeit rückte die Fähigkeit, sich selbst, der eigenen Gruppe und wo möglich, einem dörflich oder städtisch geprägten Zuschauerkreis eine ausgewogene Mischung aus Musikalität, Körperbeherrschung, Schnellkraft und
tänzerischer Präzision zu demonstrieren, in den Vordergrund .
Insbesondere die zum Ende des 19. Jahrhunderts hin allerorten gegründeten Trachtenvereine waren es, die sich dieser Entwicklung und des Tanzes selbst
annahmen. In der Folge wuchs dem Schuhplattler auch im EuRegio - Gebiet eine geradezu dominante Stellung unter den „landesüblichen“ Tänzen zu. Neuschöpfungen entstanden und „eroberten“ neben dem heimischen Tanzboden auch so
manches „Parkett“ das dafür alles andere als geschaffen war.
Versuchungen , den Schuhplattlertanz zu instrumentalisieren , hat es in mancherlei Hinsicht gegeben.
Trotzdem bleibt festzustellen, dass eine gediegene Plattlerdarbietung ohne störendes „Drumherum“ zu allen Zeiten sowohl auf den „Gebirgsbewohner“ selbst
als auch auf den Menschen, der mit alpenländischem Brauchtum nicht oder nur wenig in Berührung kommt eine nur schwer zu leugnende Anziehungskraft ausübte und immer noch ausübt. Wer sich die Mühe macht und der
Entstehungsgeschichte des Schuhplattlertanzes nachspürt wird allerdings eine Überraschung erleben. Er wird beim Vergleich mit anderen Brauchtumsarten feststellen, dass der Schuhplattlertanz ein relativ junges aber
widerstandsfähiges „Brauchtumsgewächs“ ist.
Siegi Götze
Übers Schuhplatteln, Dirndldrahn und die Gaugruppe
Einführung
Alle Völker dieser Erde können für sich in Anspruch nehmen, in ihrer Vergangenheit die von Natur, landschaftlichen Gegebenheiten, Religionen, sowie Formen des gesellschaftlichen Zusammenlebens kulturelle Eigenschaften entwickelt
zu haben, die sie voneinander unterscheiden und die in einem bestimmten Lebensraum beheimatet sind. Zu den wichtigsten Merkmalen neben Sprache und Religion gehören dabei das Lied, die Musik und die meist vielfältigen Tanzformen.
In Europa führte die Industrialisierung um die letzte Jahrhundertwende zu gesellschaftlichen Veränderungen, die in vielen Staaten die angedeihten Traditionen zu einem »Museumsdasein« verdrängten; somit wurde den Menschen
ein wichtiger Teil ihrer kulturellen Leistungen entzogen. In unserem bayerischen Alpenraum erkannte man rechtzeitig diese Gefahren, die schließlich zur Entstehung der ersten Vereinigungen für Sitt und Tracht führten. Dabei
ist es gelungen, die bereits erwähnten Traditionen, die Generationen hindurch bis in die Gegenwart lebendig zu erhalten. Die lebendige Tracht in Bayern — eine
Ausnahmeerscheinung unter den Völkern im westlichen Europa, eine großartige Leistung der Trachtenvereine. Voraussetzung für diese Gelegenheit war eine ständige Entwicklung der Tracht, insbesondere aber die Weiterführungen in
Musik und Tanz. Eine herausragende Stellung bei den Tanzformen nimmt dabei der Schuhplattler ein.
Entstehung des Schuhplattlers und seine Formen Genaue und endgültige Kenntnisse über den Ursprung oder der
zeitlichen Entstehung des Schuhplattlertanzes gibt es nicht. Bis heute weiß man allerdings, daß sich das seit Gründung des ersten Trachtenvereins bekannte Schuhplatteln, Mitte des 19. Jahrhunderts nachweisen läßt. Nach dem
Tiroler Professor für Volkskunde, Karl Horak, ist der Schuhplattler in der breiten Öffentlichkeit längst zum Inbegriff des bayerischen und tirolerischen Volkstanzes geworden. Ursprünglich aber war der Schuhplattler den
Gebirglern, Jägern und Holzknechten vorbehalten. Aus alten Aufzeichnungen erfährt man außerdem, daß es beim Platteln keine festen Formen gab, der Bua konnte sich während des Tanzes nach freiem Ermessen zur Landlermelodie
bewegen, Figuren zeigen, schnaggln und platteln, während sich sein Dirndl im Takt weiterdrehte und vom Buam erst wieder zum Tanzen »eingeholt« wurde. In der vom Mönch des Klosters Tegernsee um 1050 gefaßten Ritterdichtung
»Ruodlieb« wird ein öffentlicher Tanz geschildert: »der junge Mann springt auf und gegen ihn das Mädchen, dem Falken gleicht er — und sie
gleitet wie die Schwalbe; kaum sind sie nahe, sind sie schon vorbeigeschossen — er greift sie werbend an, doch sie sieht man entflattern,
und keiner der die beiden schauen darf, vermochte im Sprung und Handgebärde sie zu meistern«. Die darin enthaltene Schilderung von »Sprung und Handgebärde« könnte tatsächlich auf eine frühe Form des Schuhplattlers hinweisen:
Auf ein Werben des Burschen um seine Tänzerin. Das Klatschen in die Hände, das Stampfen auf den Boden und das Schlagen auf die Oberschenkel und Füße verleitete nicht nur Schriftsteller und Volkskundler zum Vergleich mit der
Spielhahnbalz. Wann nun die Vereinheitlichung der Schuhplattler Tanzbewegungen eingesetzt hat, und das sogenannte Gruppenplatteln aufgekommen ist, läßt sich kaum mehr genau feststellen. Erwiesen ist jedenfalls, daß die
vereinsmäßige Pflege des Schuhplattelns vom Miesbacher Kreis ausging, wo am 15.7.1858 ein Schuhplattlertanz anläßlich des Besuches von König Max II zu Ehren seiner Majestät aufgeführt wurde. Hierbei könnte es sich schon um
einen Burschenplattler gehandelt haben, dessen Entstehung in der Ramsau (Berchtesgaden) um 1820 von Franz Hegenbart, München, wie folgt umschrieben wird: Die ersten Plattler im heutigen Sinn waren sehr einfach und deshalb für
eine Vorführung wenig geeignet. Der erste für damalige Zeit so »modern«, d.h. anders als bis dahin, getanzte Tanz war der »Neubayrische« oder wie man in der Ramsau sagte der »Pempererstoisserer«, nach der uns bekannten Melodie
»Das Dirndl mit dem roten Mieder« Die Art wie heute in der Alpenregion des Chiemgaues und in weiten Teilen des Gauverbandes 1 geplattelt wird, mit gut sitzenden exakten Schlägen, ist die Folge dieser Entwicklung.
Chronologie des Schuhplattlers im Gau 1 und seine Gauvorplattler Mit Gründung der ersten Trachtenvereine und ihrem Zusammenschluß zu einem Gauverband im Jahre 1890 entstand gleichzeitig
neuer Nährboden für die Erhaltung und Verbreitung der überlieferten Plattler und Tänze. Durch den Ausbau des Eisenbahnnetzes und der damit verbundenen schnellen Personenbeförderung konnten Burschen eines Ortes, die das
Schuhplatteln erlernen wollten, kurzfristig eine Veranstaltung eines bereits bestehenden Trachtenvereins in der Nachbargemeinde besuchen, um schließlich selbst daheim einen solchen Verein ins Leben zu rufen. Die meisten um die
Jahrhundertwende gegründeten Trachtenvereine hatten eine Bahnstation! Ab Mitte der zwanziger Jahre erlebte der Schuhplattlertanz neuen weiträumigen Auftrieb, nicht zuletzt dank der einzelnen kleinen Preisplatteln, die diese
Bewegung förderten. Durch die Gründungen der ersten Nachwuchsgruppen wollten einige Vereine damals schon ihre Zukunft absichern. So begann man z.B. 1932 in Siegsdorf und 1933 in Ruhpolding mit dem Aufbau von Kindergruppen, die
sich alsdann bestens entwickelten. Um diese insgesamt begrüßenswerten Vorgänge zu unterstützen und zu fördern und somit auf rechte Bahnen zu leiten, strebte die Gauführung eine zentrale Betreuung der Plattlergruppen an.
Diese Aufgabe übernahm als erster gewählter Gauvorplattler 1924 der Traunsteiner Lorenz Schwangler, der dieses Amt 25 Jahre, also über den II. Weltkrieg hinaus, bekleidete. Unter seiner Federführung trafen sich
Vereinsvorplattler bereits 1926 in Traunstein zur ersten Gauvorplattlerprobe, und 1934 gelang Schwangler mit dem »Gauschlag« der erste einheitlich vorführbare Plattler im Gau. Am 13.2.49 übergab Schwangler sein Amt an den
Siegsdorfer Max Humhauser, der in den Folgejahren über eine wachsende »Mobilität« verfügte und dadurch die einzelnen Vereine besser betreuen konnte. Unter seiner Leitung fanden vermehrt Zusammenkünfte der Vorplattler statt und
jeweils einmal im Jahr wurde im Anschluß an die Gaudelegiertensitzung eine Vorplattlerprobe durchgeführt. Humhausers Leistungen genießen heute noch hohe Anerkennung, nicht zuletzt deshalb, weil er als Mitbegründer der
Trachtenwallfahrt nach Maria Eck gilt und damit erkennen ließ, daß sich das Tätigkeitsfeld eines Gauvorplattlers nicht nur auf Plattlerangelegenheiten beschränkt. 1960 dankte Max Humhauser als Gauvorplattler ab und auf seine
Empfehlung hin wählte man in Rosenheim Alfons Plereiter aus Ruhpolding in dieses Amt. Damit begann....
..die Zeit Plereiter
Alfons Plereiter setzte sich hohe Ziele, zu deren Verwirklichung er die Gauvereine in vier landschaftlich zusammengehörige Gebiete zuordnete. Damit war die Voraussetzung für eine systematische Betreuung
durch den neuen Gauvorplattler gegeben. Ausgesuchte Trachtler bereiteten die Gebietsproben vor, in denen Plereiter jeweils im Frühjahr und im Herbst seine Kenntnisse über Art und Weise des Schuhplattelns und Dirndldrahns
übermittelte. Dabei hatten die Vereine Gelegenheit, ihr Plattlerrepertoire zu erweitern, zumal der Gauvorplattler zusätzlich der Gebietsproben jeden Verein persönlich besuchte, um mit dessen Plattlern gemeinsam zu proben. In
kurzer Zeit hatte Plereiter die Vereine in die Lage versetzt, bestimmte Plattler einheitlich zu tanzen und somit gemeinsam an Preisplatteln teilnehmen zu können. Sein Ziel, das er ständig vor Augen hatte — ein großes Gaupreisplatteln — fand breite Zustimmung in den Vereinen, und so
übertraf das erste Gaupreisplatteln 1962 in Traunstein alle Erwartungen. Die riesige Anzahl an Mitwirkenden aus allen Teilen des Gauverbandes bestätigte die harte Arbeit Plereiters, der Opfer und Risikobereitschaft nicht
scheute, um sein Ziel zu erreichen. So erinnert sich Plereiter, daß er keinerlei finanzielle Unterstützung für sein Vorhaben erhielt. Er streckte die Unkosten aus seinen privaten Mitteln vor; und nicht die zuletzt
überschüssigen 26 DM zählten als Gewinn, sondern die erfolgreiche Geburt des Gaupreisplattelns. Der Zuspruch zu den Gaupreisplatteln stieg so gewaltig an, daß sich der Gauvorplattler für Teilnahmebeschränkungen, sowie für
den Zweijahresrhythmus, d.h. im einen Jahr nur Einzelplatteln, im anderen Jahr nur Dirndldrahn und Gruppenplatteln, entscheiden mußte. Der hohe Leistungsstand, den die Plattler und Dreherinnen in den Folgejahren erreichten,
zog die Aufmerksamkeit des Nationalen Olympischen Komitees auf sich, dessen künstlerischer Leiter Paur-Pantonlie schließlich Alfons Plereiter beauftragte, die Eröffnungsfeier der XX. Olympischen Sommerspiele 1972 in München mit
einer bestimmten Anzahl an Dirndl und Buam mitzugestalten. Eine wunderbare Gelegenheit, der Welt die Schönheit unserer Gebirgstracht, sowie die vielfältigen Formen der Schuhplattler und Trachtentänze zu zeigen, aber auch das
weltweit vorhandene Bayernklischee ins rechte Licht zu rücken. Da Alfons Plereiter ein gutes Verhältnis zum benachbarten Chiemgau-Alpenverband pflegte, lud er diesen zu den anstehenden Feierlichkeiten in München mit ein, und so
konnten hunderte von Millionen Fernsehzuschauern die 85 Buam, 35 Dirndl, sowie die bayerischen Klänge der Musikkapellen »D‘Miesenbacher« Ruhpolding und »D‘Staffestoaner« Bernau, bewundern und bestaunen. Vier Jahre später
grüßten Trachtler beider Gauverbände die Welt aus Kanada, als bei der Eröffnungsfeier der XXI. Olympischen Sommerspiele die Olympische Fahne feierlich dem neuen Austragungsort Montreal übergeben wurde. Die Höhepunkte
überhäuften sich in diesen Jahren; 1974 war die Bundesrepublik Austragungsort der Fußballweltmeisterschaft und der Gauvorplattler erhielt wiederum Gelegenheit, zusammen mit dem Chiemgau-Alpenverband die Eröffnungsfeier im
Münchner Olympiastadion mitzugestalten. 50 Tanzpaare übermittelten mit der Sternpolka und mit Dirndlplattler bayerisches Brauchtum in alle Welt. Plereiter verhalf dem Schuhplattler und dem Dirndldrahn im Gauverband 1 zu neuem
Glanz und es erfreut jedes Trachtlerherz, mit welcher Begeisterung heute noch die Dirndl und Buam ihre Probenarbeit gestalten, um den hohen Leistungsstand zu erhalten und zu verfeinern. Den Grundstein hierzu legte Plereiter im
Jahre 1964, als er das Gaujugendpreisplatteln einführte, an dem jedes Jahr mehrere hundert Nachwuchstrachtler ihr Können zeigen. Ob als Gauvorplattler, jahrelanger Vereinigtenvorplattler oder heute als Gautrachtenpfleger;
Alfons Plereiters Verdienste um das Trachtenwesen sind unumstritten: 1981 würdigte der Gauverband 1 seine Tätigkeiten mit der Ernennung zum Gauehrenvorplattler und 1989 verlieh ihm der Bundespräsident Richard v. Weizsäcker die
»Verdienstmedaille des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland«.
1980 wird Sepp Harbeck neuer Gauvorplattler
Als Alfons Plereiter aus gesundheitlichen Gründen sein Amt als Gauvorplattler zur Verfügung stellte, übernahm mit Sepp Harbeck aus Waging ein erfahrener Plattler die Nachfolge. Harbeck wurde von den
jungen Dirndln und Buam sofort angenommen und genießt nicht nur dort hohes Ansehen, nicht zuletzt deshalb, weil er sein Aufgabengebiet auf die Gesamtheit des Trachtenwesens erweiterte, und seine umfassenden Kenntnisse den
aktiven Dirndl und Buam näher bringt. In den Gebietsproben hat so neben dem Platteln und Drahn z.B. der Volkstanz längst seinen Einzug gehalten, und Fragen über die Selbstdarstellung der Trachtenvereine, Nachwuchsförderung und
die Gestaltung der Heimatabende gewinnen bei den Vereinsvorplattlern immer mehr an Bedeutung. Die ständig steigende Zahl an Nachwuchstrachtlern bestätigt den eingeschlagenen Kurs von Sepp Harbeck, der mit seiner umsichtigen
Arbeitsweise nächsten Plattlergenerationen den Weg ebnet.
Gegenwart
Die Saat trägt Früchte. Die Bemühungen in den Vereinen und in der Gauführung vor allem in den letzten Jahrzehnten, über eine wirkungsvolle Jugendarbeit über einen ansehnlichen Personenkreis an jungen Trachtlern zu verfügen, kann
man mehr als gelungen bezeichnen. Über 2800 aktive Dirndl und Buam und eine weitaus größere Zahl (3900) an Kinder und Jugendlichen besuchen allwöchentlich die Plattlerproben in den 118 Gauvereinen und tragen einen erheblichen
Teil dazu bei, Ziele und Grundsätze des Trachtenwesens zu verwirklichen. Dabei hat es ein junger Trachtler nicht so leicht, wie man vielleicht meinen könnte: Berufliche Zielsetzungen beschränken oft die erforderliche
Zeit des Probenbesuches, das vielfältige Freizeitangebot lockt zu einseitigen Vergnügungen, Kitsch und Klischee des Bayernbildes — aufgemöbelt und tausendfach widergekäut durch Funk und Fernsehen — nagt an seinem Selbstvertrauen, und der da und dort aufkeimende Zerfall der Dorfgemeinschaft, bergen Gefahren in sich, die der junge Trachtler oft nur
mit Hilfe von Vereins- und Gauführung abwehren kann. So nutzt der Gauvorplattler in seinen Gebietsproben und bei anderen Anlässen gute Möglichkeiten des direkten Gespräches mit den aktiven Dirndln und Buam, die
Trachtenzeitung bereitet aktuelle Themen des Trachtengeschehens auf und die Vereinsführung unterstützt natürlich seine jungen Mitglieder, den richtigen Weg zum Ziel zu finden, das da heißt: »Die lebendige Tracht«. Viele
Plattler oder Trachtendirndl besuchen also nicht nur die Vereinsprobe: man findet sie bei Volkstanzveranstaltungen, dort wo eine boarische Musi aufspielt, man findet sie unter Volksmusikanten, Sängern, Wallfahrern oder einfach
beim sonntäglichen Kirchgang — natürlich im richtigen Gwand —. Das
so nötige Selbstvertrauen schöpfen sie aus der Liebe zur Heimat mit ihrer erhaltungs- und lebenswerten Tradition und aus der Gewißheit, damit nicht alleine zu sein.
Wie und was wird geplattelt
Mit dem »Häuslratz« oder »Häusei« wagt ein junger Bua den ersten Schritt zum Schuhplatteln. Hierbei lernt er bereits Haltung, Bewegungsablauf und das so wichtige Musikgehör, und nach einiger Zeit beherrscht er »seinen« ersten
Plattler, der wie alle anderen einzeln oder in der Gruppe getanzt werden kann. Stolz wird der Bua zu Hause seinen Eltern das Erlernte herzeigen und Mut zu neuen Taten schöpfen. Als nächste Plattler folgen meist der
»Birkenstoaner« oder der »Gauschlag«, die bereits Schläge rückwärts auf die linke Schuhsohle erfordern. Im Laufe der Zeit verfeinert der lernwillige Bua seine Schlagkraft, übt Kreuzschläge hinten, Doppelschläge am rechten
Oberschenkel und der »Hochsprung« oder auch »Außespringa«, darf nicht fehlen. Im Alter von 17 oder 18 Jahren gehört der Bua den »Aktiven« an und erweitert schnell seinen Schatz an Schuhplattlern. Mit schwarzen Haferlschuhen,
gemusterten Loiferln oder Strümpfen, schwarzer Lederhose, Ranzen oder Laibe, weißen Pfoadl mit Schmisei oder Spange beziert, und grünem Trachtenhut mit dem dazugehörigen Hutschmuck bekleidet, gibt der junge Plattler ein
gstandnes Mannsbild ab, das die Vielfalt des Schuhplattlertanzes beherrscht: Landler, Marschplattler, Dirndlplattler, sind keine besondere Schwierigkeit mehr, bedürfen aber ständiges Üben, um das Erreichte zu halten oder zu
verfeinern.
Die Liste der im Gauverband 1 getanzten Schuhplattler
beinhaltet eine Vielfalt von Namensgebungen, die oft auf die Herkunft oder auf den Ort des Schuhplattlers schließen läßt; z.B. der »Heutauer« oder der »Ruhpoldinger«, der »Isartaler« oder auch die
»Kreuzpolka«, die als Volkstanz auf dem Tanzboden Dirndl und Buam gleichermaßen begeistert. Aus Zeiten französischer Herrschaft in Bayern stammt der »Ripaupiere« (Rembacher), der damals zu Ehren eines in Marquartstein lebenden
»Ribaupierre« geplattelt wurde. Personen mit diesem Namen leben übrigens heute noch in Marquartstein. Zu den überlieferten Schuhplattlern entwickelten geschickte Vorplattler in Zusammenarbeit mit ihren Vereinsmusikanten im
Laufe der Jahrzehnte, aufbauend auf die bewährten Grundlagen des ursprünglichen Schuhplattelns, »neue« Plattler hinzu. Alfons Plereiter, Gauvorplattler von 1960 bis 1980 verstand es, auf die Melodie des »Wössners« den Gauschlag
wiederzubeleben und vier Jahre später entwickelte er aus dem bereits 1934 geplattelten »alten« Gauschlag (Schwang1er Lenz) den heutigen Gauplattler.
Nachstehend aufgeführte Plattler zählen zu den wichtigsten und bekanntesten im Gauverband 1:
Alter Häuslratz, Alztaler-Traunsteiner, Amboßpolka, Atzinger, Auerer, Auerhahn, Aushalter-Trio, Birkeistoaner, Birkeistoaner-Glöckei, Blindauer, BöhmischGrenzer, Doppellandler, Einhand-Plattler, Feller Marsch, Gauplattler,
Gauschlag, Grainbacher, Grigei, Gumperstefter, Häuslratz, Haushamer, Heutauer, Heutauer-Landler, Hintern-Ofa (Kreuzpolka), Höhenrainer, Inzeller, Jagabluat, Kranzlstoaner, Lamberger-Marsch (Boaschneider), Langschottisch
Gumperstefter, Laufener, Mangfalltaler, Marquartsteiner, Masianer, Mooswinkler, Neu-Berliner, Neukirchner, Nußdorfer II, Pidinger, Preaner-Marsch, Reichenhaller-Glöckei, Reit im Winkler, Rembacher-Ripaupiere, Ruhpoldinger
I/II!III/IV, Salzburger, Schimmel tot, Schlechinger, Schnagglwalzer, Sechser Landler, Seerösler, Siegsdorfer, Söllhubener, Söllhubener-Marsch, Staufenecker, Stoa klopfer, Sulzberger, Surtaler, Petersbrünnal, Tiroler,
Teisendorfer, Traundorfer, Truchtlinger, Uidaschler, Vöglfanga Haushammer, Waldjager, Wallfahrer, Weißbacher, Werdenfelser (d Ladn zua), Wien bleibt Wien, Wössner, Wolkersdorfer, Wolfsberger, Isartaler, Holzhacker.
Dirndldrahn
Sucht man nach den Ursprüngen des sich drehenden Dirndls, findet man die Ansätze hierzu im ursprünglichen Schuhplatteln als Werbetanz, in dem Drahn und Platteln untrennbar verbunden sind. So zitiert
Prof. Horak Albert Czerninsky‘s »Brevier der Tanzkunst« (1879) wie folgt: »Es ist ein Ländler für nur ein Paar, wobei das Mädchen mit sittig gesenkten Augen still sich fortdreht, der Bursch indes sie umkreisend auf allerlei
Weise seine Freude und Liebe ausdrückt. Er stampft mit den Füßen, klopft mit den Händen nach dem Takte der Musik auf Schenkel, Knie und Fußabsätze...«. Andere historische Texte liefert die bereits erwähnte Ritterdichtung
»Ruodlieb« von 1050 und die Augsburger Allgemeine von 1859: ». . . wie eine surrende Spindel um sich selbst dreht... in der Mitte des
Kreises springt der Bub«; eine Beschreibung, wie sie heute kaum besser paßt. Die gegenwärtige Form des Dirndldrahns im Gauverband 1 entwickelte sich, wie das heutige Schuhplatteln, aus den Mitte der zwanziger Jahre
aufgeblühten Vereins preisplatteln. Dabei legt heute eine gute Dreherin besonderen Wert auf ihren Rock, der während des Drahns fast waagrecht liegt und deutlich einen Reif von 8 cm bis Handbreite, erkennen läßt. Mit aufrechter
Körperhaltung bewegt sich das Dirndl auf den Zehen drehend flott und gleichmäßig zum Takt der Musik im Kreis und entfaltet die ganze Schönheit der blumengeschmückten Dirndltracht: Schwarze Dirndlschuhe, Wollstrümpfe und
Spitzenhose, Unterrock, Gschnür, Schultertuch und Dirndlhut und die flach am Rock aufliegende Schürze. Der vollendeten Form des Dirndldrahns kann man eine gewisse Ästhetik nicht absprechen und ruft bei jedem Zuschauer
Bewunderung und Anerkennung hervor, und wer jemals einen Dirndlplattler — diese zusammengefaßte Kraft aus Tanzen, Platteln und Drahn — gesehen hat, weiß den wertvollen Beitrag, den die Dirndl zu dieser großartigen Selbstdarstellung leisten, zu schätzen und zu würdigen.
Trachten- und Figurentänze
Wer einen Heimatabend, Festabend oder andere trachtlerische Festlichkeiten besucht, gebraucht Auge und Ohr, um die Vielfalt des Gebotenen zu erfassen. Dazu zählen neben dem Schuhplatteln, dem Gesang und
der Musik, die an Figuren reichhaltigen Trachtentänze. Wegen ihrer Schwierigkeit und, da sie von einer bestimmten Anzahl an Trachtenpaaren getanzt werden, kann man diese Trachtentänze nicht zum allgemeinen Volkstanz zählen. In
der Fachsprache nennt man sie auch Schau- oder Vereinstänze. Als wichtigste im Gauverband 1 zählenden Trachtentänze kennt man den »Bandltanz«, das »Mühlradl<, den »Sterntanz«, den »Kronentanz«, den »Zwei- und Dreisteierer«,
den »Laubentanz«, den »Sensentanz« sowie den »Sechser und Achtertanz« (Reigentanz). Während das »Mühlradl« — ein Zunfttanz der Müller — an die Zeit der Zünftegrunden erinnert, der »Achtertanz« den Flößern den weiten Weg zum Schwarzen Meer kurzweiliger gestaltete, und die Entstehung des
»Sechsertanzes« ins 17. Jahrhundert zurückführt, findet man den Ursprung der anderen Figurentänze in nicht allzufernen Vergangenheiten. Der um 1890 aus Brixlegg/Tirol stammende »Bandltanz« gehört noch zu den älteren Tänzen,
wogegen der »Kronentanz« erst vor 70 Jahren auf Betreiben der Trachtenkameraden Anden Meier (Jachenauer) und Sepp Pfleger (Peißenberg) entstanden ist, und Hartl Mayers (Weilheim) »Sterntanz« erlebte seine Uraufführung 1930 beim
1. Trachtenaufmarsch in Rosenheim und hat sich rasch verbreitet und erfreut sich großer Beliebtheit. Für einen Teil dieser Tänze erschien bereits 1924 im Giehrl Verlag München ein Lehrbuch zum Erlernen dieser »Heimattänze«. Aus
dem Geleitwort dieses Lehrbuches einige Zitate: »Wer ein Buch über Heimattänze schreibt, schreibt ein Buch natürlichen Frohsinns und glücklichen, kraftvollen Lebens« oder »Unsere Heimat- und Trachtenvereine sind es, die sich
der Pflege von Heimat und Volkstum erinnern und widmen«. Ob nun im Vereinsleben oder auf Gauebene, die Figurentänze sind fester Bestandteil der Probenarbeiten und stellen eine wunderbare Ergänzung innerhalb der Brauchtumspflege
dar.
Schuhplatteln und Dirndldrahn lernt man nicht von heute auf morgen. Viele Übungsstunden sind nötig, um einen nach Melodie gut sitzenden Schlag und eine entsprechende Körperhaltung beim Platteln zu
beherrschen. Ähnlichen Aufwandes bedarf es beim Dirndl, bis sie sich auf einer kleinen Fläche (Bühne oder Tanzboden) schwindelfrei und sauber im Kreis drehen kann. Dieser Aufwand ruft das natürliche Bedürfnis hervor, das
erzielte Leistungsvermögen untereinander zu vergleichen, um schließlich einen Sieger oder Siegerin zu ermitteln. Solche Leistungsvergleiche findet man in den Vereinschroniken schon zur Gründerzeit der Trachtenvereine. Die
bei den Preisplatteln am 21.8.1892 in Traunstein und am 6.8.1893 in Reichenhall ermittelten Sieger erhielten dabei als Preise einen Lorbeerkranz. Ein am 19.8.1906 in Endorf durchgeführtes Verbandspreisplatteln wurde vom
veranstaltenden Verein bei einer Tagung in Traunstein vorher beantragt. Ein gewähltes Preiskomitee bewertete Einzel- und Gruppenplatteln. Bei einer Gausitzung am 6.1.1921 wurden die öffentlichen Preisplatteln verboten. Gegen
Leistungsvergleiche im kleineren Rahmen hatte die Gauvorstandschaft dagegen nichts einzuwenden. So kamen Mitte der zwanziger Jahre die Vereinspreisplatteln auf. Sie haben die jetzige Form des Platteins und Dirndldrahns im Laufe
der Jahre beeinflußt. Wie sich Alfons Plereiter (der langjährige Sachausschußvorsitzende der Vereinigten und Vorplattler des Gauverbandes 1) erinnert, hat er 1933 beim »Draxler Bascht« in Ruhpolding das Platteln gelernt.
Grundlagen waren eine aufrechte, gerade Haltung, Handstellung in Huthöhe und Absatz fünf cm über dem Boden. Auch das Dirndldrahn wurde damals so gelehrt wie heute. 1962 veranstaltete Plereiter — wie bereits erwähnt — das erste Gaupreisplatteln und 1963 das erste
Gaudirndldrahn mit Gruppenplatteln. Seit dieser Zeit gab es in Art und Weise des Preisplattelns keine wesentlichen Änderungen.
Das Einzelplatteln oder Dirndldrahn läuft wie folgt ab:
Dirndl und Bua tanzen einmal nach der Melodie des Gauwalzers nach kurzem Auftakt um einen 45 cm Radius messenden Kreis. Alsdann löst sich das Dirndl, um genau zweimal um jenen Kreis zu drehen, in dem
der Bua den vorgeschriebenen Plattler zum Besten gibt, um anschließend seine Tanzpartnerin im Walzerschritt einzufangen, um sogleich den Ablauf zu wiederholen. Als Höhepunkt eines jeden Leistungsvergleiches gilt das
Gruppenplatteln: Vier Tanzpaare gehen im Abstand von vier Schritten um vier Kreise, deren Mittelpunkte zwei Meter voneinander entfernt sind und ein Quadrat bilden. Nach zweimaligem Gauwalzer steigen die vier Plattler mit dem
linken Fuß in ihre Kreise und versuchen in Schlag und Haltung größte Gleichmäßigkeit zu erzielen. Während des Platteins drehen sich die Buam zweimal im Kreis und tanzen dann noch einmal den Gauwalzer, der Plattler wird
wiederholt, und ein in Schritt gleichmäßiges Verlassen des Tanzbodens beschließt das Gruppenplatteln. Bei Kindern und Jugendlichen, die an solchen Wettbewerben teilnehmen möchten, entfällt die Wiederholung des Platteins oder
Drahns — also nur ein Durchgang. Der hohe Leistungsstand im Gauverband 1 erfordert von den Preisrichtern — selbst erfahrene Plattler — entsprechende Kenntnisse und Ausbildung für ihr
schwieriges Amt. Hierzu führt der Gauvorplattler regelmäßige Preisrichterschulungen durch, um Veränderungen im Wertungsmaß zu erläutern und abzusprechen. Die von Alfons Plereiter Anfang der sechziger Jahre entwickelte
Wertungsmethode gibt jedem Preisrichter die Möglichkeit zur Vergabe von höchstens zehn Punkten für jeden Bua, Dirndl oder Gruppe, je platteln und drahn, das sich unmittelbar vor den genau beobachtenden Augen des Preisrichters
abspielt. Beider Punktvergabe wird u.a. besonders auf vollständige und saubere Tracht geachtet. Im Gauverband unterscheidet man Vereins-, Gebiets- und Gaupreisplatteln. Letztere erreichen einen Größenumfang, dessen zeitliche
Bewältigung nur eine zahlenmäßige Teilnahmebeschränkung erlaubt.
Preisplatteln forderte in der Vergangenheit wie Heute immer wieder zu kritischen Stellungnahmen heraus; der Erfolg spricht jedoch für sich: Über fünfhundert Nachwuchstrachtler zeigen jedes Jahr ihr
Können beim Gaujugendpreisplatteln und über dreihundert aktive Dirndl und Buam, sowie ca. 45 Gruppen vervollständigen die Zahl derer, die mit Begeisterung und Herz Werbung für unsere Heimat und unsere Tracht betreiben.
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